Geschichten

Michaela Helms, Die fliegenden Valendras

Eine Geschichte von kleinen Leuten

Ich kannte mal ein einsames Krokodil, das wäre lieber eine Lerche gewesen.

 

Hanni Huck war eine kleine Köchin, was sage ich, eine sehr kleine Köchin. Sie lebte in der Stadt am Meer und wünschte sich nichts sehnlicher, als ebenso groß zu sein wie alle anderen Menschen in der Stadt.

Denn die Töpfe waren ihr zu schwer, die Kellen zu lang und der Herd zu hoch. Das Schlimmste aber war der dicke Chefkoch. Immerzu schubste er sie beiseite und rief: "Du Zwerg, scher dich in den Hof und füttere die Katzen!"

Als sie wieder einmal bei den Katzen stand, kam das Krokodil vorbei, nahm sich einen Bissen und sagte: "Hanni Huck, du solltest nach Bukina Faso gehen, die gemeine Wachsblume suchen."

An diesem Abend ging Hanni Huck nicht nach Hause. Sie musste nachdenken und das kann man am besten am Meer.

 

Willy Valendra war der stärkste Mann in der Stadt am Meer. Er arbeitete für den Bestattungsunternehmer. Mit dem Spaten hob er Gräber aus, trug die Kränze und ließ die Särge sanft an Seilen ins Grab hinab. Nur wenn ein Sarg getragen werden musste, ging Willy andächtig zwischen den großen Leuten.

Denn Willy war ein kleiner, was sage ich, ein sehr kleiner Mann. Eines Tages beschwerten sich die Trauergäste über Willy. "Wir wollen nicht, dass sich der lächerliche Zwerg an unserem Sarg zu schaffen macht." Da wurde der treue Willy entlassen. Und er wünschte sich nichts mehr, als ebenso groß zu sein wie alle anderen Menschen in der Stadt.

Bald kam das  Krokodil vorbei, knabberte an den Kränzen und und sagte: "Willy, du solltest nach Burkina Faso gehen, die gemeine Wachsblume suche."

Am Abend ging Willy ans Meer. Er musste nachdenken und das kann man am besten am Meer.

 

Der Hausmeister in der Schule am Meer hieß Baltasar Listig. Er war geschickt und konnte die verzwicktesten Probleme lösen. Weil er gern Späße machte und jonglieren konnte, liebten ihn die Kinder, auch wenn sie ihn manchmal neckten.

Denn Baltasar Listig war klein, so klein, dass ihm noch der kleinste Erstklässler auf den Hut gucken konnte. Dass ihn alle so gern hatten, neidete ihm der strenge Schuldirektor. Der rief, wo er konnte: "Ein Zwerg wie Sie ist seinen Lohn nicht wert. Können sie überhaupt die Glühbirnen wechseln?" Das machte Baltasar sehr traurig und er wünschte sich nichts sehnlicher, als ebenso groß zu sein wie alle anderen Menschen in der Stadt.

Da kam das Krokodil vorbei, soff aus seinem Wischeimer und sagte: "Baltasar Listig, du solltest nach Burkina Faso gehen, die gemeine Wachsblume suchen."

An diesem Abend ging Baltasar nicht in seine Hausmeisterwohnung. Er musste nachdenken und das kann man bekanntlich am besten am Meer.

 

So saßen an jenem Abend drei kleine Menschen am Meer.  Sie blickten jeder für sich nachdenklich aufs Wasser. Doch als die Flut kam, wurden sie auf einer Sandbank eingeschlossen. Da erst merkten sie, dass sie nicht alleine waren, und sie wateten zusammen  an den Strand. Sie hatten alle nasse Füße, und so kamen sie schnell ins Gespräch. Sie erzählten sich von ihren Sorgen und von dem seltsamen sprechenden Krokodil, das sie auf die Suche nach der gemeinen Wachsblume im fernen Burkina Faso schicken wollte.

"Burkina Faso liegt in Afrika", sagte Baltasar. "Aber was es wohl mir der Wachsblume auf sich hat?"

"Vielleicht müssen wir sie nur ernten und essen und werden groß", meinte Hanni.

"Vielleicht ist sie weise und besitzt Zauberkräfte", sinnierte Baltasar.

"Oder Bärenkräfte", sagte Willy. "Egal, wir sollten sie suchen."

 

Sie entschlossen sich sofort aufzubrechen. An der nächsten Tankstelle besorgten sie sich Automobile. Baltasar Listig tankte auf, Willy Valendra machte es sich bequem und Hanni Huck setzte ihre Sonnenbrille auf.

 

Bald hatten sie die Stadt weit hinter sich gelassen. Die Reise ging in den Süden und sie kamen schnell voran. Was sie zum Leben brauchten, verdienten sich die Drei mit kleinen Vorführungen: Hanni erzählte Geschichten, Willy zeigte Kraftakte und Baltasar jonglierte. Sie fanden soviel Spaß daran, dass sie beschlossen eine richtige Artistengruppe zu werden. Sie lernten auf dem Seil zu gehen und nannten sich "Die Fliegenden Valendras".

 

Immer mehr Menschen kamen, um die kleinen Artisten zu bestaunen. Sie spannten Taue über Marktplätze und schwangen sich an Trapezen durch die Luft. Sie waren mutig und wurden immer geschickter. Ihr guter Ruf eilte ihnen voraus, und wo sie hinkamen, erwartete man sie schon. Jeder wollte die 

Fliegenden Valendras sehen.

Auf diese Weise kamen sie bis nach Portugal. Bei Gibraltar stachen sie mit einem alten Kahn in See. Ihre Automobile wurden auf Stroh gelagert, es gab getrockneten Fisch und Wein und der blinde Kapitän brachte sie sicher an die afrikanische Küste.

 

Dort wartete schon das Krokodil. Es hielt ein weißes Taschentuch in den warmen Wind und weinte vor Rührung dicke Tränen.

Misstrauisch ging Hanni aus das Krokodil zu.

"Ach bitte", rief es, "bitte nehmt mich auf in eure Artistengruppe!"

"Ein Krokodil im  Zirkus, das gibt es nicht", meinte Willy.

Da schluchzte das Krokodil, es habe sogar schon eine Nummer einstudiert.

Hanni nahm ihr Taschentuch und wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht.

"Na, wir können es ja mal versuchen", meinte Baltasar.

Da weinte das Krokodil gleich wieder,  doch diesmal waren es Freudentränen. Dann führte es vor, was es einstudiert hatte: eine Flugnummer, ganz ohne Netz.

So kam es, dass die Valendras mit einem Krokodil durchs heiße Afrika reisten.

 

Sie durchquerten Sandwüsten und Steinwüsten, ehe sie Burkina Faso erreichten. Ein kleiner schwarzer Junge zeigte ihnen den Weg zu der Oase, wo die gemeine Wachsblume wuchs.

 

Doch als sie dort amkamen, fanden sie nur Zettel, die an Palmen genagelt waren:

"Bin leider nicht zu Hause, dringende Geschäfte!"

"Heute keine Zeit, bin auf der Wachsblumenversammlung."

"Keine Besuche, habe Kopfweh."

Solche Sachen standen darauf zu lesen. Da wurde Willy wütend und schrie das Krokodil an: "Wo hast du uns hingeschickt, so werden wir nie größer!"

Aber das Krokodil zuckte nur mit den Schultern. Enttäuscht und ratlos schliefen die Valendras ein.

In dieser Nacht hatten die Drei einen Traum. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen. Sie lebten in der Stadt am Meer und waren große Menschen. Hanni konnte über den Herd gucken. Willy trug zwischen den anderen Männern die Särge. Und Baltasar brauchte keine Leiter, wenn er die Glühbrinen auswechselte. Aber sie sehnten sich nach ihrem Artistenleben, nach ihren Freunden und all den Menschen, die sie bewundert hatten.

 

Als sie erwachten, beschlossen Hanni, Willy und Baltasar, sie wollten kleine Leute bleiben. Und als sie sich umschauten, standen nicht weit von ihnen zwei Wachsblumen.

"So, so", rief eine von ihnen, die auf einem Saiteinstrument musizierte, "ihr wollt also klein bleiben. Dann seid willkommen im Land der gemeinen Wachsblume."

Die andere Wachsblume deckte eine Tisch und lud die Valendras ein, sich nach der langen Reise zu stärken.

"Wir hätten euch auch gar nicht helfen können", rief sie aus.

"Das Krokodil hat euch einen schönen Bären aufgebunden."

Da bekam das Krokodil einen feuerroten Kopf und sah sich leise pfeifend um, als würde es etwas suchen.

"Naja", meinte Willy, "Ein bisschen geholfen  hat es uns ja trotzdem, oder?" Baltasar und Hanni nickten  zustimmend und Willy klopfte dem Krokodil versöhnlich auf den Rücken. "Wir können ja mal eine Kraftnummer zusammen einstudieren."

 

Noch am selben Tag lernten die Valendras die anderen Wachsblumen kennen. Die waren seltsame, freundliche Wesen, nur Zauberkräfte besaßen sie nicht. Das machte nun aber auch nichts mehr. Die Fliegenden Valendras waren trotzdem froh, dass sie gekommen waren. Und noch am selben Tag gaben sie eine Vorstellung, von der man in Burkina Faso noch heute spricht.

Das Krokodil war auch dabei, und fortan reisten sie zu vieren als Artistengruppe durch die Welt.

Hanni, Willy und Baltasar waren jetzt als kleine Menschen ganz groß.

 

Ich kannte mal ein einsames Krokodil, das wäre lieber eine Lerche gewesen.

 

 

 

1997 im Carlsen Verlag Hamburg erschienen.